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Eben war er noch da…

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Ein Interview mit Ueli Steck von Christian Brüngger 

Moderner Alpinismus…

Ein Interview mit Ueli Steck von Christian Brüngger 

Von Ueli Steck weiss man viel, aber nicht, wie er sich sportlich auf eine Expedition vorbereitet. Warum?
Weil man davon ausgeht, dass der Steck zum Berge besteigen einfach Berge ­besteigt – was viele Alpinisten weiter für die beste Vorbereitung halten. Sie ­verstehen sich mehr als Abenteurer denn als Sportler. Ich hingegen bereite mich wie jeder Spitzenathlet gezielt auch sportlich auf einen ­Höhepunkt vor. Diesbezüglich bin ich wohl Vorreiter und habe eine Entwicklung im modernen ­Alpinismus eingeleitet: diejenige des athletischen Alpinisten.

Was führte dazu?
Das hat mit meinem Anspruch zu tun. Ich kann als Bergsteiger selbst definieren, was ich will, eine möglichst schwierige Route klettern etwa. Bei mir stand immer meine Leistung im Vordergrund. Sie prägt mein alpinistisches Leben. ­Entsprechend gehört dazu, möglichst fit zu sein. Ich bin nicht auf Abenteuer aus und in der Szene eher ein Aussenseiter.

Wird Ihr Tun damit gefährlicher, weil sich alles um Leistung dreht?
Ja. Gleichzeitig: Was ein Erfolg ist, lege ich fest. Ich muss nicht auf dem Gipfel stehen, um erfolgreich zu sein. Wichtiger ist, was ich für eine Performance ­gemacht habe. Mit meinem Leistungsdenken setze ich mich unter Druck, weil ich immer besser werden will. Entsprechend viel Risiko gehe ich dann ein.

Infografik: Die Route von Ueli Steck Grafik vergrössern. Grafiken: Micha Treuthardt

Sie sagten einmal, Sie seien erschrocken, weil Sie merkten: Viele Alpinisten starben mit 40 bis 45. Sie sind in diesem Lebensabschnitt.
Natürlich frage ich mich immer wieder, ob ich mich aus diesem Game nehmen muss. Nur ist das enorm schwierig, weil man beim Bergsteigen die abnehmende körperliche Fitness durch mehr Risiko lange ausgleichen kann. Also erreichst du weiter Topresultate. Doch die Entwicklung ist dann absehbar: Irgendwann riskierst du so viel, dass es knallt. Darum war meine Annapurna-Besteigung von 2013 kein Erfolg. Ich ging so viel Risiko ein, dass ich nur dank enorm viel Glück überlebte. Also kann das für mich keine erfolgreiche Besteigung sein, obschon ich auf dem Gipfel stand.

Wie muss man das Everest-Lhotse-Projekt einordnen?
Bin ich auf dem Everest, kann ich ­jederzeit abbrechen. Das Risiko ist also eher gering. Für mich ist es primär ein physisches Projekt. Entweder komme ich durch – oder habe keine Kraft zur ganzen Überquerung. Ich wählte diesen Ansatz auch, weil ich mit Risiko kaum besser oder erfolgreicher sein kann.

Trotzdem wollen Sie möglichst schnell vom einen zum anderen Gipfel, müssen auf über 8000 m übernachten, also in der ­sogenannten Todeszone.
Ums Tempo geht es mir nicht, sondern darum, diese Überquerung als Erster zu schaffen. Der limitierende Faktor wird diese enorme Höhe sein. Da oben kann ich mich nicht erholen. Irgendwann geht schlicht die Power aus.

Gipfelstürmer: Ueli Steck auf dem Peuterey-Grat am Montblanc. Foto: Robert Bösch

Wie haben Sie sich körperlich auf dieses Ziel vorbereitet?
Ich weiss, dass ich lange in der Höhe unterwegs sein werde. Also habe ich viele Lauftrainings von bis zu fünf Stunden mit tiefem Puls absolviert, auch um eine exzellente Erholungsfähigkeit zu erlangen. Im Schnitt absolvierte ich gegen sieben Lauftrainings pro Woche mit bis zu 3000 Höhenmetern pro Einheit. Ich simulierte auch flache Strecken, primär auf dem Laufband, lief dabei vor allem Intervalle. Für dieses Projekt habe ich zudem mittels Freihanteln viel in meine Kraft investiert, bis dreimal die Woche. Besonders meine Schwachstellen habe ich auf­gearbeitet, beispielsweise waren meine Gesässmuskeln zu wenig gut trainiert. Total kam ich auf circa 100 Trainingsstunden pro Monat, das ist aber nicht aussergewöhnlich.

Rennen Sie nur hinauf oder auch hinunter?
Schon auch hinunter, aber da muss ich aufpassen, weil diese spezifische Belastung heikel für Gelenke und Muskeln sein kann. Ein Klassiker meiner Vorbereitung war, dass ich von Grindelwald-Grund auf den Eiger rannte – via Westflanke. Da kommen 1800 Höhenmeter zusammen. Auf diese Weise musste ich nur bis zum Eiger-Gletscher zurück­rennen und konnte von dort die Bahn nehmen. Manchmal hatte ich auch den Gleitschirm dabei und flog zurück.

Wie reagierten die gewöhnlichen Eiger-Alpinisten in Vollmontur, wenn Sie mit Laufschuhen und Shirt an ihnen vorbeirannten?
Im Winter sind da selten Leute. Das ist wichtig, weil ich sonst viele Bergsteiger vor den Kopf stosse. Ich gehe also nicht dort trainieren, wo sich diese Alpinisten aufhalten. So werden sie nicht ­gestört, und ich habe meinen Frieden.

https://www.instagram.com/p/BQho4oYDpUz/embed/captioned/?cr=1&v=7Sie rannten den Eiger in Turnschuhen hoch. Ist das nicht gefährlich?
Natürlich müssen die Verhältnisse dafür stimmen, sonst droht der Absturz. Aber wenn die Spur im Schnee gut war, konnte ich wunderbar trainieren.

3000 Höhenmeter an einem Stück rennend zu bewältigen, ist enorm. Haben Sie das immer gekonnt?
Nein, früher war ich ein viel klassischerer Alpinist, kletterte primär. In den letzten Jahren aber hat sich mein Fokus sukzessive verändert. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich kann nicht täglich über viele Wochen 3000 Höhenmeter bewältigen. Das würde mich auslaugen.

Verlieren Sie wie ein Topläufer auf ein Ziel hin Gewicht, oder nehmen Sie zu, um Reserven zu haben?
Ich brauche in der Höhe etwas mehr Gewicht, weil ich sonst friere. ­Zudem zehrt eine solche Expedition über viele Wochen an den Kräften. Man ist immer draussen, in der Höhe. Die Erholung leidet. Darum muss man mit ein bisschen Reserve anreisen. Früher versuchte ich auch beim Gewicht ans Limit zu gehen, habe aber gemerkt, dass ich mir damit keinen Gefallen tue. Jetzt bin ich 68 kg auf 1,74 m. Hinzu kommt: Ich weiss noch nicht, wann genau ich zum Everest aufbrechen werde, kann also nicht auf Zeitpunkt X hinarbeiten. Allerdings reise ich nächste Woche schon in den ­Himalaja, um mich an die Höhe zu gewöhnen. Reise und Akklimatisierung können den Körper schwächen. Der GAU wäre, wenn ich krank würde. Dann kann ich die Übung gleich abbrechen. Auch bezüglich ­Immunsystem hilft mir ein wenig mehr Gewicht, in Nepal kann ich durchaus an leichtem Durchfall leiden.

«Meine klassische Trainingsstrecke: von Grindelwald auf den Eiger.»

Sie trainieren neben Körper auch Geist. Wie?
Primär hilft mir das Wissen, wirklich fit zu sein. Wenn ich meine Daten anschaue, kann ich abschätzen, ob ich mein Ziel erreichen werde. Hinzu kommt die Routine. Weil ich zudem nicht exakt wissen kann, was auf mich zukommen wird, versuche ich, viele ­Informationen zu sammeln. Aber: Man kann auch zu viel suchen und hinterfragen. Das, was ich nicht beeinflussen kann – wie das Wetter –, darf mich nicht beschäftigen. Sonst mache ich mich nur kaputt. Entscheidend ist, dass ich auf einer Expedition meine Ruhe habe.

Wann beginnen Sie, in Ihre Welt abzutauchen?
Jetzt schon. Wer mich etwa via E-Mail kontaktiert, erhält eine Abwesenheitsnotiz. Ich will keine Mails mehr beantworten müssen. Das ist mir wichtig. Ich will keinen zusätzlichen Stress.

Sie haben schon den sogenannten Tunnelblick des Sportlers?
Ja, ich gebe eigentlich auch keine Interviews mehr, will und muss mich abgrenzen und in meine Welt abtauchen. Da muss ich ein bisschen asozial werden und mich nicht mehr zu stark beeinflussen lassen. Sonst könnte ich meine Leistung unmöglich erbringen. Erhielte ich in dieser Phase zu viele Informationen, würde ich wahnsinnig.

Infografik: Ueli Stecks Training im Gebirge Grafik vergrössern

Wer darf noch mit Ihnen reden?
Mein engstes Umfeld, das ist sogar sehr positiv. Mit meiner Frau bespreche ich auch Alltagssorgen der Expedition. Mit mir Unbekannten mag ich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sprechen.

Werden Sie dünnhäutiger, je näher der Start rückt?
Wenn ich mich wirklich abgrenzen kann, werde ich dickhäutiger. Dann prallt alles an mir ab. Ist mein Panzer hingegen fragil, werde ich unruhig. Dann bin ich sogar schon gestresst, wenn ich mit jemandem ausserhalb meines Teams reden sollte.

Sie arbeiten mit einem Coach zusammen. Warum?
Weil Simon Trachsel viel mehr von Sportphysiologie versteht als ich. Zudem wirkt er wie ein Back-up für mich. Ich muss ihn nicht täglich anrufen, aber nur schon zu wissen, dass jemand mitdenkt, hilft mir. Sonst hinge alles an mir. Das wäre für mich zu viel. Ich würde mich ständig hinterfragen und sorgen, ob ich alles richtig mache. Daneben nützt mir schlicht seine Kontrolle, damit ich keine lapidaren Fehler mache.

https://www.instagram.com/p/BQZ58BtjskN/embed/captioned/?cr=1&v=7Trachsel arbeitet als Physio­therapeut am Bundesamt für Sport in Magglingen, betreut unter anderen Dario Cologna. Haben Sie vom Langlauf-Olympiasieger gar Trainings übernehmen können?
Zumindest habe ich dank Simon auch Einsichten ins Training anderer Athleten erhalten. Davon profitiere ich enorm. Ich kann ja nicht wahllos allen Sportlern hinterhertelefonieren, von denen ich gern noch das eine oder andere betreffend Training wissen würde.

Wie ernähren Sie sich während einer Vorbereitung?
Ob ich ein Kilo mehr oder weniger habe, ist, wie erwähnt, nicht entscheidend . . .

. . . wiegen Sie sich täglich?
Nein, nicht mehr. Ich schaute phasenweise sehr stark aufs Gewicht, wurde dann ­nervös, wenn ich bei Schlüsseltrainings nicht an meine Zeiten herankam. Ich begann mich sofort zu fragen, ob es mit dem Gewicht zusammenhängt. Diesen Teufelskreis musste ich durchbrechen.

«Ich gehe nicht in die Schneelöcher extra nach Toten schauen.»

Vertrauen Sie sich auch nach so vielen Jahren Leistungssport nicht?
Mittlerweile schon. Bezüglich Gewicht bin ich einfach ein Sensibelchen, ich weiss nicht warum.

Aber nach einem Training mit 3000 Höhenmetern und fünf Laufstunden können Sie eine Menge Kalorien verdrücken!
Ja, so 5000 bis 6000 Kalorien werden es schon sein. Ich höre auf mein Gefühl, esse, wenn ich hungrig bin. Vielen geht dieses Körpergefühl ab. Dabei muss sich ein Sportler spüren – auch bezüglich ­Essen. Dieses Gefühl unterscheidet den exzellenten vom guten Athleten.

Wo stehen Sie?
Ich weiss, was mein Körper braucht, spüre auch rasch, wenn ich zu viel oder zu hart trainiert habe.

https://www.instagram.com/p/BElVoXdl-D_/embed/captioned/?cr=1&v=7Wie werden Sie sich während der Expedition ernähren?
Auch über sogenannte Regenerationsshakes, was ich daheim weniger tue. Da kann ich mich normal verpflegen. Wichtig ist am Berg etwa, die Riegel nahe am Körper zu haben, damit sie nicht ein­frieren. Wobei ich mir die notwendige Kalorienzahl am Berg ohnehin nicht zuführen kann. Ich schleppe nicht Tausende von Kalorien mit mir herum. Auch Wasser habe ich nie ausreichend dabei. Daran muss sich der Körper gewöhnen.

Wenn Sie den Everest hochsteigen, wie viel essen und trinken Sie dann?
Ich werde mich im Bereich des Fettstoffwechsels befinden, also auf niedriger Energiestufe. Für einen Gipfeltag nehme ich circa einen halben bis einen Liter Wasser mit, dazu kommen vier Riegel, was ungefähr 800 Kalorien entspricht. Mehr gibt es einfach nicht. Also darf ich niemals ans Limit.

Sie werden viele Stunden ohne Sauerstoffzufuhr in der Todeszone verbringen. Wissen Sie schon, wie viele?
Wohl zwischen 24 und 48. ­Darin besteht ja die Herausforderung: Bin ich dazu fähig? Kann ich mich noch fortbewegen? Man sagt, dass man da oben im Vergleich zur Meereshöhe noch 20 Prozent der Leistungsfähigkeit besitzt. Ob ich mich übrigens auf 8800 m oder 8500 m befinde, sind Welten. Der Sauerstoff nimmt nicht linear, sondern progressiv ab. Die Sättigung ist in dieser Höhe enorm tief, was sich auch aufs Denktempo auswirkt: Ich kann klar denken, aber nur sehr langsam.

«Ich kann da oben noch klar denken, aber nur sehrlangsam.»

Wie fühlen sich diese 20 Prozent auf 8800 m an?
Das ist ein Horror. Manchmal machst du ab 8500 m vielleicht 40 Schritte, ­erbrichst ein wenig, absolvierst drei nächste Schritte und schnappst bereits wieder nach Luft. Du denkst: «So komme ich da nie hoch!», bist also fix und fertig. Plötzlich kannst du wieder 20 Schritte machen, wirst zuversichtlicher. Ein steter Kampf halt.

Steck auf der Lhotse-Flanke im Himalaja. (Foto: Ueli Steck)

Nimmt man die Verstorbenen entlang der Route noch wahr?
So viele Tote liegen von der Südseite her nicht herum. Und extra in die Schnee­löcher gehe ich nicht schauen.

Schlucken Sie während einer solchen Besteigung Medikamente?
Würde ich mit Medikamenten nachhelfen, wüsste ich eben nicht, wozu mein Körper fähig ist. Ich will mich nicht betrügen und verzichte auf Substanzen. Natürlich wäre es interessant, einmal mit Epo einen Berg hochzujagen . . .

https://www.instagram.com/p/BDpm4Mql-B6/embed/captioned/?cr=1&v=7. . . Sie könnten damit gar das Risiko minimieren, weil Sie schneller vorankämen. Das mag sein. Aber was bringt es mir, wenn ich weiss: Ich kanns mit Epo. Kann ichs auch ohne? Gleiches gilt für den Sauerstoff. Wie weiss ich, ob ichs ohne könnte, wenn ich ihn benutze?

Aber gegen ein allfälliges Lungenödem wegen der enormen Höhe haben Sie ein Mittel dabei?
Dexamethason, was quasi schwerem Doping gleichkommt. Aber bei einem Ödem erhältst du mit der Dexamethason-Einnahme ein Zeitfenster von 24 Stunden, in dem du dich vom Berg retten kannst. Die Frage ist: Wann nimmst du es? Ich würde es nur benutzen, wenn es hart auf hart kommt, würde nach der Einnahme absteigen und mein Leben zu retten versuchen. Ich würde also niemals Dexamethason einnehmen, um auf den Gipfel zu gelangen. Was andere tun, weiss ich nicht.

Wann wird diese Expedition für Sie ein Erfolg sein?
Natürlich will ich auf Everest und Lhotse. Aber das ist ein sehr hohes Ziel. Scheitern heisst für mich: Wenn ich sterbe und nicht heimkomme.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 07:00 Uhr

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Ueli Steck

Der Tempokletterer

Mit 18 Jahren stand Ueli Steck erstmals auf dem Eiger. Seither hat der 40-Jährige
aus Ringgenberg nahe Interlaken dieses Schweizer Monument viele Male durchklettert – oder besser: ist er den Eiger hoch­gerannt. Denn Steck definiert sich primär über seine Leistung und damit oft übers Tempo.

Vor zwei Jahren schaffte er in 62 Tagen alle 82 Viertausender der Alpen. Spuren hat Steck, der Jüngste dreier Brüder, auch im Himalaja hinterlassen: Er stand ohne Sauerstoff auf dem Mount Everest oder dem gefährlichen Annapurna. Auch Rückschläge prägen sein Athletenleben: Vor vier Jahren wurde er am Everest fast von wütenden Sherpas erschlagen.

Steck ist verheiratet, Kinder aber will er mit seiner Frau keine. Es würde sich nicht mit seinem Beruf vertragen. Dieser ist zu riskant. Der Mutter sagt er darum auch nie im Detail, was er vorhat. Foto: Franziska Rothenbühler(cb)

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3x Niesen…

Einmal Ueli Steck sein…

Kürzlich habe ich einen Artikel in der Sonntagspresse mit eben diesem Titel gelesen. Der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck, der in Fachkreisen auch „the Swiss machine“ genannt wird, soll auch in Frauenkreis eine grosse Fangemeinde haben…! Spontan reifte die Idee, einmal zu versuchen, Ueli etwas nachzumachen. Steck-Imitatoren sehen sich aber grundsätzlich mit zwei fundamentalen Problemen konfrontiert. Erstens: Die Unternehmen sind in der Regel lebensgefährlich und sie sind meistens anstrengend. Da nur letzteres im Bereich des Möglichen lag, versuchte ich etwas aus Stecks Trainingsmethoden nachzuahmen. Steck, so las man, spurtet trainingshalber dreimal auf den Niesen. Der Niesen, jener charakteristische Berg im Berner Oberland bezwingen, das kann ich auch! Ohne langes Nachdenken hatte sich die Idee bereits zum Entschluss verfestigt, bevor mir das ganze Ausmass von Stecks Heldentum bewusst geworden ist. Warum Männer häufig unvernünftige Dinge tun, wer weiss? Aber Zusammenhänge sind selten einfach zu erklären. Wenn man genau rechnet, ergibt sich bei einer Niesenbesteigung von Mülenen aus machbare 1669 Höhenmeter. Aber dies drei Mal! Womit die Summe auf schwindelerregende 5007 Höhenmeter ansteigt. Immerhin gibt es eine, von nettem Personal betriebene Bahn. Runter kann man fahren. Was mich total überraschte, für dieses Unternehmen liessen sich, mehr oder weniger spontan, einige Freunde gewinnen. Sicher hatte im Vorfeld ein jeder seine Bedenken, der Herausforderung physisch überhaupt gewachsen zu sein. So startet wir dann motiviert und sorgfältig vorbereitet, kurz vor 6 Uhr, die Putzfrau in der Talstation Niesenbahn war bereits bei der Arbeit, unser Unterfangen. Zügig ging es zu Beginn auch vorwärts, wenn auch nur halbwegs legal, auf der Niesentreppe. Jener Treppe, unmittelbar neben den Bahngeleisen gelegen und mit 11674 Stufen die längste Treppe der Welt. Abwechslung brachten unterschiedliche Stufenhöhen und Tunnelstrecken, aber alles ging so leicht, so spielerisch. Wir sind alle verzaubert von diesem sanften Mondlicht, der Nebelschwaden, der Stille. Ich werde von einer tiefen Demut erfasst. Mit dem Morgenlicht war dann das ganze Unterfangen etwas besser, das heisst realistischer zu erfassen: Unvorstellbar imposant, da sehr steil diese Treppe, zudem der wunderschöne Sonnenaufgang und ein perfektes Nebelmeer. Welch herrliches Bergsteigerleben! Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mit Ueli grundsätzlich tauschen mögen. Zum Glück hat Hanspeter dann, kurz vor dem Gipfel, für den „nötigen Schwung“ gesorgt! Auf den letzten Drücker, aber noch vor dem Eintreffen der Bahn mit den Angestellten, haben wir nach 2 Stunden Marschzeit zum ersten Mal den Gipfel erreicht! Was dann, vor der Rückfahrt mit der ersten Bahn, passiert ist, hat man(n) nicht auf Anhieb begriffen: Judith hat auf dem Gipfel geduscht?! Dass Frauen im Alltag lange das Bad blockieren, ist allgemein bekannt und belegt, dass dies aber auch für die unberührte Bergwelt zutrifft, war mir neu. Aber man(n) lernt dazu und ich musste mich schwer überzeugen lassen und später für meine Gedanken auch gerechterweise büssen: Nicht nur, dass der Wärmehaushalt so wieder in Ordnung gebracht wurde, ihre schon formschönen Beine wurden in der Folge auch bezüglich der Leistungsfähigkeit so richtig in Schwung gebracht!  Schon im Bähnli haben wir uns verpflegt, so dass bei der Talstation nur ein kurzer Zwischenstopp beim Warenlager notwendig war. Stirnlampe und Mütze weg, Sonnenhut eingepackt, frisches Leibchen, 2 Riegel, eine Banane, die Stöcke gepackt und los! Das diesmal einige sogar freiwillig eine längere Gehstrecke über den Oberniesen gewählt haben, konnte mich nicht auch noch beschäftigen, hatte ich plötzlich, mehr als mir lieb war, mit mir zu tun. Schon vor der Streckenhälfte stellten sich Krämpfe an einem Bein ein. Mein Fernduell mit Ueli drohte, lange vor dem Kopf, in den Beinen verloren zu gehen. Ich versuchte es mit einem tieferen Tempo und kürzeren Schritten, sicher geführt und unterstützt von Braulia. Nun, auf dem Gipfel haben wir uns alle wieder getroffen, die zweite Begehung war geschafft! Bei der Rückfahrt mit der Bahn konnte ich mir nicht vorstellen, den Berg ein drittes Mal zu bezwingen. Doch wenn die körperliche Überforderung einen Segen kennt, dann der, dass sich das Denken reduziert, bis es nicht mehr über den nächsten Schritt hinausreicht. Ich gehe davon aus, dass ein jedes, ausser Patrick und Hanspeter vielleicht, diese Urgesteine, die sich sowieso nie etwas Anmerken lassen, seinen Anteil zu tragen und Krisen und Sinnfragen zu durchwandern hatten. Sorgen und Ängste sind Energiekiller und ich darf zudem lernen angstfrei zu leben. So bin ich dann, einige Minuten vor den Mitstreiter zum letzten Mal in Mülenen gestartet. Was ich bei der dritten Begehung dann bezüglich Rücksichts- und Anteilnahme erfahren durfte, hat mich tief berührt: Das moderat gewählte Tempo von Hanspeter und die motivierenden Worte aller haben mir ein Weiterkommen ermöglicht. Nur das Zustrecken von neuzeitlichen Sportnahrungsmittel scheiterte indessen kläglich: Wie soll ich den wissen, ich der noch mit Tutti Frutti und Sport-Ovo aufgewachsen bin, wie diese Gel-Tuben zu handhaben sind! Nun, jedenfalls hatte ich dann eine klebrige und äusserst stabile Hand-Gehstockverbindung. Über die letzten 1000 Höhenmeter weiss ich wenig zu sagen, ausser dass sie stattgefunden haben und selbst ich noch 3 Wanderer überholen konnte. Nachmittags um 4 Uhr, nach maximal 8 Stunden reiner Marschzeit, standen wir alle zusammen, zum dritten Mal, an diesem Tag, auf dem Niesen! Im Berghotel haben wir kalorienmässig etwas nachgetankt und sind dann, zum letzten Mal, ins Bähnli eingestiegen. Dass wir bei der Fahrt, der vielen Hobbyausflügler wegen, nicht sitzen konnten, hat zumindest mich nicht gestört, soll doch sitzen, wer müde Beine hat! Bei der Heimfahrt habe ich in Thun prompt die falsche Kreiselausfahrt erwischt. Da es sich auf der Autobahn schlecht wenden lässt, blieb mir nur die Rückfahrt nach Spiez. Bei einem herrlichen Alpenpanorama und einer guten Sicht auf den, Niesen konnte ich so all die herrlichen Eindrücke und Erlebnisse des Tages Revue passieren lassen. Zudem war die Mitfahrerin äusserst charmant. Nur so zur Beruhigung: In der heutigen Sonntagspost bin ich auf keine neuen Ideen für „Ausflüge“ gestossen! Aber ich tue mein Bestes!

Dieter Neeser, Oktober 2011

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