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3x Niesen…


Einmal Ueli Steck sein…

Kürzlich habe ich einen Artikel in der Sonntagspresse mit eben diesem Titel gelesen. Der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck, der in Fachkreisen auch „the Swiss machine“ genannt wird, soll auch in Frauenkreis eine grosse Fangemeinde haben…! Spontan reifte die Idee, einmal zu versuchen, Ueli etwas nachzumachen. Steck-Imitatoren sehen sich aber grundsätzlich mit zwei fundamentalen Problemen konfrontiert. Erstens: Die Unternehmen sind in der Regel lebensgefährlich und sie sind meistens anstrengend. Da nur letzteres im Bereich des Möglichen lag, versuchte ich etwas aus Stecks Trainingsmethoden nachzuahmen. Steck, so las man, spurtet trainingshalber dreimal auf den Niesen. Der Niesen, jener charakteristische Berg im Berner Oberland bezwingen, das kann ich auch! Ohne langes Nachdenken hatte sich die Idee bereits zum Entschluss verfestigt, bevor mir das ganze Ausmass von Stecks Heldentum bewusst geworden ist. Warum Männer häufig unvernünftige Dinge tun, wer weiss? Aber Zusammenhänge sind selten einfach zu erklären. Wenn man genau rechnet, ergibt sich bei einer Niesenbesteigung von Mülenen aus machbare 1669 Höhenmeter. Aber dies drei Mal! Womit die Summe auf schwindelerregende 5007 Höhenmeter ansteigt. Immerhin gibt es eine, von nettem Personal betriebene Bahn. Runter kann man fahren. Was mich total überraschte, für dieses Unternehmen liessen sich, mehr oder weniger spontan, einige Freunde gewinnen. Sicher hatte im Vorfeld ein jeder seine Bedenken, der Herausforderung physisch überhaupt gewachsen zu sein. So startet wir dann motiviert und sorgfältig vorbereitet, kurz vor 6 Uhr, die Putzfrau in der Talstation Niesenbahn war bereits bei der Arbeit, unser Unterfangen. Zügig ging es zu Beginn auch vorwärts, wenn auch nur halbwegs legal, auf der Niesentreppe. Jener Treppe, unmittelbar neben den Bahngeleisen gelegen und mit 11674 Stufen die längste Treppe der Welt. Abwechslung brachten unterschiedliche Stufenhöhen und Tunnelstrecken, aber alles ging so leicht, so spielerisch. Wir sind alle verzaubert von diesem sanften Mondlicht, der Nebelschwaden, der Stille. Ich werde von einer tiefen Demut erfasst. Mit dem Morgenlicht war dann das ganze Unterfangen etwas besser, das heisst realistischer zu erfassen: Unvorstellbar imposant, da sehr steil diese Treppe, zudem der wunderschöne Sonnenaufgang und ein perfektes Nebelmeer. Welch herrliches Bergsteigerleben! Zu diesem Zeitpunkt hätte ich mit Ueli grundsätzlich tauschen mögen. Zum Glück hat Hanspeter dann, kurz vor dem Gipfel, für den „nötigen Schwung“ gesorgt! Auf den letzten Drücker, aber noch vor dem Eintreffen der Bahn mit den Angestellten, haben wir nach 2 Stunden Marschzeit zum ersten Mal den Gipfel erreicht! Was dann, vor der Rückfahrt mit der ersten Bahn, passiert ist, hat man(n) nicht auf Anhieb begriffen: Judith hat auf dem Gipfel geduscht?! Dass Frauen im Alltag lange das Bad blockieren, ist allgemein bekannt und belegt, dass dies aber auch für die unberührte Bergwelt zutrifft, war mir neu. Aber man(n) lernt dazu und ich musste mich schwer überzeugen lassen und später für meine Gedanken auch gerechterweise büssen: Nicht nur, dass der Wärmehaushalt so wieder in Ordnung gebracht wurde, ihre schon formschönen Beine wurden in der Folge auch bezüglich der Leistungsfähigkeit so richtig in Schwung gebracht!  Schon im Bähnli haben wir uns verpflegt, so dass bei der Talstation nur ein kurzer Zwischenstopp beim Warenlager notwendig war. Stirnlampe und Mütze weg, Sonnenhut eingepackt, frisches Leibchen, 2 Riegel, eine Banane, die Stöcke gepackt und los! Das diesmal einige sogar freiwillig eine längere Gehstrecke über den Oberniesen gewählt haben, konnte mich nicht auch noch beschäftigen, hatte ich plötzlich, mehr als mir lieb war, mit mir zu tun. Schon vor der Streckenhälfte stellten sich Krämpfe an einem Bein ein. Mein Fernduell mit Ueli drohte, lange vor dem Kopf, in den Beinen verloren zu gehen. Ich versuchte es mit einem tieferen Tempo und kürzeren Schritten, sicher geführt und unterstützt von Braulia. Nun, auf dem Gipfel haben wir uns alle wieder getroffen, die zweite Begehung war geschafft! Bei der Rückfahrt mit der Bahn konnte ich mir nicht vorstellen, den Berg ein drittes Mal zu bezwingen. Doch wenn die körperliche Überforderung einen Segen kennt, dann der, dass sich das Denken reduziert, bis es nicht mehr über den nächsten Schritt hinausreicht. Ich gehe davon aus, dass ein jedes, ausser Patrick und Hanspeter vielleicht, diese Urgesteine, die sich sowieso nie etwas Anmerken lassen, seinen Anteil zu tragen und Krisen und Sinnfragen zu durchwandern hatten. Sorgen und Ängste sind Energiekiller und ich darf zudem lernen angstfrei zu leben. So bin ich dann, einige Minuten vor den Mitstreiter zum letzten Mal in Mülenen gestartet. Was ich bei der dritten Begehung dann bezüglich Rücksichts- und Anteilnahme erfahren durfte, hat mich tief berührt: Das moderat gewählte Tempo von Hanspeter und die motivierenden Worte aller haben mir ein Weiterkommen ermöglicht. Nur das Zustrecken von neuzeitlichen Sportnahrungsmittel scheiterte indessen kläglich: Wie soll ich den wissen, ich der noch mit Tutti Frutti und Sport-Ovo aufgewachsen bin, wie diese Gel-Tuben zu handhaben sind! Nun, jedenfalls hatte ich dann eine klebrige und äusserst stabile Hand-Gehstockverbindung. Über die letzten 1000 Höhenmeter weiss ich wenig zu sagen, ausser dass sie stattgefunden haben und selbst ich noch 3 Wanderer überholen konnte. Nachmittags um 4 Uhr, nach maximal 8 Stunden reiner Marschzeit, standen wir alle zusammen, zum dritten Mal, an diesem Tag, auf dem Niesen! Im Berghotel haben wir kalorienmässig etwas nachgetankt und sind dann, zum letzten Mal, ins Bähnli eingestiegen. Dass wir bei der Fahrt, der vielen Hobbyausflügler wegen, nicht sitzen konnten, hat zumindest mich nicht gestört, soll doch sitzen, wer müde Beine hat! Bei der Heimfahrt habe ich in Thun prompt die falsche Kreiselausfahrt erwischt. Da es sich auf der Autobahn schlecht wenden lässt, blieb mir nur die Rückfahrt nach Spiez. Bei einem herrlichen Alpenpanorama und einer guten Sicht auf den, Niesen konnte ich so all die herrlichen Eindrücke und Erlebnisse des Tages Revue passieren lassen. Zudem war die Mitfahrerin äusserst charmant. Nur so zur Beruhigung: In der heutigen Sonntagspost bin ich auf keine neuen Ideen für „Ausflüge“ gestossen! Aber ich tue mein Bestes!

Dieter Neeser, Oktober 2011

  1. Beeindruckend!

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    23. Oktober 2011
  2. Super! Gratulation zu dieser Leistung an alle Beteiligten. Solche Spinnereien versüssen das Leben. Weiter so.

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    22. Oktober 2011
  3. einer deiner schönsten berichte die ich bisher von dir gelesen habe. absolut klasse, richtig fasziniert, habe ihn mir gleich ein zweites mal durchgelesen.
    die leistung der gruppe zusammen ist natürlich auch super. find ich schön, wenn man für so ein vorhaben immer gleich spontan jemanden findet. die duscheinheit eurer weiblichen begleitung war natürlich auch sehr schön erläutert. 🙂

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    19. Oktober 2011

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